Scham: Zentrale Emotion im Pflegealltag

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Scham kennen wir überwiegend als ein schmerzhaftes Gefühl. Es hat viele Facetten und überrennt uns in den unvorhersehbarsten Situationen. Gleichzeitig beeinflusst es maßgeblich unser Verhalten und weist auf Schutzbedürfnisse hin.

Im Pflegealltag zeigt sich Scham als zentrale Emotion – von Seiten der Pflegenden, wie auch der zu pflegenden Menschen. Wer also meint, schamauslösende Pflegesituationen als etwas „unnötiges“ und „störendes“ abzutun, wird schnell feststellen, dass mit solch einer Einstellung weder die Pflegequalität, noch die Arbeitszufriedenheit steigt. Vielmehr sollte diese nicht wegzudenkende Emotion im Arbeitsalltag Raum finden. Ein verantwortungsvolles Pflegemanagement bildet Möglichkeiten zur Reflexion sowie neue Chancen, die aus der Scham heraus entstehen können.

Die vielen Facetten der Scham

Im Gegensatz zu anderen Emotionen, ist Scham ein Gefühl, dass zunächst in uns wachsen muss. Wir kommen auf die Welt und kennen dieses Gefühl, im Gegensatz zu Angst und Wut, lange nicht. Erst ab dem zweiten Lebensjahr, wenn wir uns unserer Individualität bewusst werden, reift das Schamgefühl. Dabei handelt es sich um eine natürliche Reaktion, welche zwar von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt sein kann (u. a. durch unterschiedliche kulturelle Prägungen), letztlich jedoch Teil eines jeden von uns ist (Ausnahmen können Bei Menschen mit speziellen Gehirndefekten vorliegen, sowie vereinzelt bei manchen Formen von Autismus).

Scham ist also universell und gleichzeitig individuell sowie kultur- und kontextabhängig. Neurobiologisch gesehen, werden beim Empfinden von Scham die gleichen Regionen im Gehirn aktiv, wie beim Erleben von Schmerz und Angst.

Dementsprechend greift der Mensch im Zustand akuter Scham auf drei Optionen zurück: Entweder wir kämpfen, wir fliehen oder wir stellen uns tot. Nun sind diese Reaktionen nicht „im wahrsten Sinne des Wortes“ auf den Pflegealltag umzusetzen. Pflegende würden wohl kaum die Fäuste heben, sich bewegungslos auf den Boden legen oder einfach weglaufen, wenn beispielsweise ein Patient eine sexuell anzügliche Bemerkung macht. Doch eigentlich sind die täglichen Reaktionen im Pflegealltag gar nicht so weit von unseren drei Möglichkeiten im Akutfall entfernt.

Warum so viel Scham in der Pflege?

Warum insbesondere in der Pflege Scham ein wesentliches Thema darstellt, ergibt sich aus der Tatsache, dass Scham das Taktgefühl für Nähe und Distanz vorgibt. Es weist Grenzen auf und fungiert ebenso als Warnsignal, wie auch als einer der Hauptregler der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Genau wie Scham hat auch der Pflegeberuf viele Facetten. Und egal in welchem Bereich der Pflege wir uns befinden, ob in der Pädiatrie, Geriatrie, Akutpflege, Langzeitpflege, ambulanten Pflege, etc., immer treffen wir auf sehr intime Momente. Menschen, die gepflegt werden, müssen Intimität preisgeben. Menschen die pflegen, sehen sich hingegen oft mit zu viel Intimität, als vielleicht gerade zu verkraften ist, konfrontiert. Scham ist also nicht immer leicht zu ertragen, jedoch auch notwendig. Ihre Hauptfunktion ist der Schutz. Ein zu pflegender Mensch, der nackt auf einem Toilettenstuhl beim Stuhlgang beobachtet wird, womöglich noch mitten im Patientenzimmer ohne Sichtschutz, wird mit Sicherheit eine furchtbar schmerzende Scham in sich spüren. Denn Körper und Geist möchten so nicht hilflos „ausgeliefert“ sein.

Eine Pflegerin, welche von einem Patienten bei der Körperpflege zu sexuellen Handlungen aufgefordert wird, wird mit Sicherheit ebenso eine schmerzende Emotion in sich empfinden. Denn auch sie will sich schützen. Wie schon im letzten Absatz beschrieben, reagiert der Körper unbewusst in solchen Situationen mit Abwehrmechanismen. „Kämpfen“ zeigt sich schnell in Form verbaler Äußerungen. Nun sind wir jedoch nicht immer nur beschämt, wenn andere uns gegenüber übergriffig werden.

Womöglich schämt sich eine Pflegefachperson aufgrund einer Situation, in die sie zufällig reingeplatzt ist und nicht damit umgehen kann, obwohl ihr Gegenüber nicht weniger beschämt ist (z. B. ein masturbierender Bewohner in seinem Zimmer). Verbale Attacken, wie sie vorschnell in solchen Situationen geschehen können („Igitt! Das ist ja ekelhaft! Was machen Sie denn da?“), stellen auf der einen Seite zwar einen Abwehrmechanismus zum Umgang mit der akuten Schamsituation dar, können für das Gegenüber jedoch sehr erniedrigend sein und alles andere als förderlich für eine hohe Pflegequalität. Auch die „Flucht“ oder das sogenannte „Totstellen“, also das so tun, als ob nichts passiert wäre, sind letzten Endes nicht zielgebend, um eine gute Pflege zu gewährleisten.

Der professionelle Umgang mit Scham

Es ist wichtig zu verstehen, dass Scham in der Regel plötzlich, überflutend und ohne Vorwarnung eintritt. Quasi jede Pflegesituation birgt zahlreiche Möglichkeiten hierzu. Was zählt, ist Pflegenden die Chance zu geben ihr Verhalten in Bezug auf diese Situationen zu reflektieren. Wie so oft liegt also auch hier der „Knackpunkt“ darin, einschneidende Erlebnisse im Pflegealltag nicht zu übergehen und aus Gründen wie Zeitmangel unangesprochen stehen zu lassen.

Wer Raum bekommt seine Gefühle zu äußern, überdenkt und versteht eher solche Erlebnisse. Daraus resultieren, im besten Fall mit Unterstützung des Pflegemanagements, Handlungsoptionen, möglicherweise eingebettet in den individuellen Pflegeplanungen.

Eigene Grenzen und Gefühle gilt es dabei genauso ernst zu nehmen, wie das Verhalten der zu pflegenden Menschen, welche womöglich auch „nur“ ihren Raum benötigen. Ein wichtiges Beispiel hierfür sind sexuelle Bedürfnisse älterer Menschen in der Langzeitpflege. Einen Bewohner beim Masturbieren zu „erwischen“, löst natürlich in der Regel nicht nur auf Seiten der Pflege Scham aus. Reflektierend könnte also darüber nachgedacht und nach Möglichkeiten gesucht werden, wie man dem Bewohner seinen Freiraum für solche Bedürfnisse gewährt, ohne in Zukunft damit konfrontiert werden zu müssen.

Letztlich gilt Scham als die „Hüterin der Würde“. Und genau so sollte diese Emotion und die damit verbunden Pflegesituationen auch gehandhabt werden: Mit einem würdevollen Umgang gegenüber aller Beteiligten und professionellem Verhalten.

Quellen:

https://www.diakonie-rwl.de/sites/default/files/2025-01/dh-broschuere-din-a4-scham-final.pdf

U. Immenschuh: Sexualität, Pflege und Scham; Pflegezeitschrift Springer Pflege, 07.2026, 79. Jahrgang, S. 20 – 23.

Sarah Micucci

Gesundheits- und Krankenpflegerin 
Pflegepädagogin (B.A.)
Autorin / Redakteurin für Pflegefachliteratur


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