Diversitätssensible Pflege

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Das Prinzip der Versorgungsgerechtigkeit

Noch immer wird die diversitätssensible Versorgung von Menschen fälschlicherweise als synonymer Begriff für eine Gleichbehandlung verwendet. Vielmehr liegt der Ursprung jedoch auf dem Prinzip einer Versorgungsgerechtigkeit, also dem Prinzip der Equity, was sich auch von dem Prinzip der bloßen Gleichheit (Equality) unterscheidet.

Während die Gleichbehandlung für alle Menschen dieselbe Versorgung vorsieht, setzt die Versorgungsgerechtigkeit auf individuelle Maßnahmen.

Ein Prinzip, quasi maßgebend für professionelles Pflegehandeln. Doch was steckt genau hinter dem Begriff und wie sieht es mit der praktischen Umsetzung aus?

Was kann ich mir hinter einer diversitätssensiblen Versorgung vorstellen?

Professionelles Pflegehandeln beinhaltet viele Ebenen. Dabei liegt der Fokus dieser Ebenen immer auf der bestmöglichen Behandlung des zu pflegenden Menschen. Diversität und individuelle Bedürfnisse der zu Pflegenden sind theoretisch in jedem professionellen Pflegehandeln mit eingebunden. Doch die Praxis offenbart weitaus größere Unterschiede von Mensch zu Mensch als beispielsweise Schlafgewohnheiten.

Eine diversitätssensible Versorgung macht hat es sich zum Ziel, individuelle Bedarfe, Barrieren sowie Lebenskontexte aktiv einzubeziehen. Dabei spielen unter anderem soziale Kategorien, wie ethnische Herkunft, Religion, Geschlecht, geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung, Behinderung und sozioökonomischer Status eine Rolle. Rubriken dieser Art prägen Lebensbiografien und wirken sich ebenso auf Krankheitserfahrungen aus.

Nicht jeder Gruppe steht der Zugang zu diversen Versorgungen offen, und sei es auch nur Aufgrund mangelnder Kenntnisse oder einer erschwerten Kommunikation. Ebenso jahrelange Diskriminierungen, gesellschaftliche Stigmatisierungen und fehlende Anerkennung hinterlassen tiefe und nachhaltige Spuren, was sich auch in Bezug auf das Vertrauen in Institutionen des Gesundheitswesens auswirkt. Eine sogenannte „Diskriminierungsfurcht“, wie sie unter anderem bei zu pflegenden älteren queeren Personen nicht selten zu beobachten ist, wirkt sich negativ auf Kommunikation und Interaktion mit Pflegenden aus. Der Versuch sich anzupassen und Erwartungshaltungen zu entsprechen, kann sich bei zu pflegenden Menschen als sehr belastend auf Psyche und Gesundheit auswirken.

Die diversitätssensible Pflege setzt daher in jedem Fall auf eine ständige und kritische Selbstreflexion, indem beleuchtet wird, welche zu pflegenden Menschen in der jeweiligen Einrichtung erreicht werden und welche eben nicht.

Pflege – die Schnittstelle zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Zweifels ohne erfordert eine diversitätssensible Pflege Veränderungen im Pflegealltag und damit auch hohe Ansprüche an die Pflegearbeit. Denn, wie so oft, stehen Pflegende in der Verantwortung professionelles Handeln umzusetzen, müssen jedoch auch mit den zu ihren Zwecken vorhanden Ressourcen arbeiten. Der Theorie-Praxis-Transfer hinterlässt somit auch Spuren bei der Versorgungsgerechtigkeit.

Auch die Haltungsebene von Pflegenden durchzieht bewusst, wie unbewusst, das Pflegehandeln. Denkmuster wirken sich positiv sowie auch negativ auf die Behandlung aus. Um dem vorzubeugen sind regelmäßige Reflexionen im Rahmen von Supervisionen, kollegialen Fallbesprechungen oder strukturierten Fortbildungen ein Muss für die diversitätssensible Pflege.

Ebenso spielt die Kommunikation zwischen Pflegenden und zu pflegenden Menschen eine wichtige Rolle. Wenn auch oft aufgrund mangelnder Zeitressourcen erschwert, signalisiert die richtige Kommunikation immer ein Zeichen von Aufgeschlossenheit. Scheinbare Kleinigkeiten können verbal einen Menschen erreichen, wenn sie nicht automatische normative Erwartungshaltungshaltungen vermitteln. Hierzu dienen besonders gut offene Fragen. Sie setzen ein Zeichen dafür, dass die Betroffenen Gehör finden und nicht in einer Masse von „Fällen“ in ihrer Individualität verloren gehen.

Fazit

Effizienz und Zeitdruck sind wohl kaum als Spannungsfeld im Pflegeberuf wegzudenken. Viele Konflikte, welche während der Pflegearbeit aufkommen, lassen sich u. a. hierauf zurückführen. Eine ernstzunehmende Umsetzung der diversitätssensiblen Pflege basiert daher auf mehreren Ebenen und ist nicht einfach als gutgemeintes Motto a` la „Jeder Mensch ist gleich“ umzusetzen. Eine wahrhafte Implementierung erfordert ein Umdenken, welches sich wegbewegt von einer Gleichbehandlung und sich stattdessen mit den individuellen und wahrhaftigen Lebensrealitäten der zu pflegenden Menschen auseinandersetzt. Zentral hierfür ist eine offene und wertschätzende Kommunikation, ebenso wie ein regelmäßiges Hinterfragen möglicher Vorannahmen von Seiten der Pflege, bzw. der gesamten Institutionen. Maßgebend hierfür ist das Einbringen einer gelingenden Reflexionskultur, Schulungen, sowie eine entsprechende Anpassung der zu verwendenden Dokumente.

Quellen:

https://www.dezim-institut.de/fileadmin/user_upload/fis/publikation_pdf/FA-6322.pdf

A. Baumann, A. Doll (Pflege Zeitschrift 6.26 /79): Am Ende sind wir doch alle gleich, oder? , Springer Pflege

Sarah Micucci

Gesundheits- und Krankenpflegerin 
Pflegepädagogin (B.A.)
Autorin / Redakteurin für Pflegefachliteratur


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