Fachkräftemangel – ein Begriff der leider zum bitteren Standard in Bezug auf die Profession Pflege in Deutschland geworden ist. Händeringend läuft seit Jahren die Suche nach Pflegefachpersonen in allen möglichen Berufsfeldern. Potenzieller Pflegenachwuchs wird mit vielversprechenden Zukunftsaussichten angeworben – leider bisher noch immer nicht mit dem erhofften Erfolg. Pflege und alle damit verbundenen Arbeitsbereiche zählen nach wie vor nicht zu den angestrebten Traumberufen der Jugend. Ein internationales Problem? Wohl eher nicht. Evaluierungen anderer Länder zeigen auf, dass Pflege ebenso das verdiente Potenzial eines Traumberufs haben kann. Neben den skandinavischen Ländern überrascht Australien mit einem Ansturm auf Pflegestudiengänge.

Pflege – die vertrauenswürdigste Profession

Extreme Arbeitsbelastung, niedriger Personalschlüssel, hohe Mitarbeiterfluktation, mäßige Verdienstmöglichkeiten, mangelnde gesellschaftliche Anerkennung. Solche Bezeichnungen sind wir in Deutschland gewohnt, wenn es um die Profession Pflege geht. Die Tatsache, dass am anderen Ende der Welt Pflege als eine der vertrauenswürdigsten und beliebtesten Professionen gilt, scheint in Anbetracht dessen unfassbar. Doch Studien und Berufsverbände bestätigen die Fakten zum Traumberuf Pflege in Australien. Von händeringendem Suchen nach Nachwuchs ist in „Dowm Under“ keine Spur. Ganz im Gegenteil: Wer seine berufliche Zukunft in der Pflege sieht, muss sich anstellen. Die Nachfrage an dem akademisierten Beruf ist so hoch, dass die Universitäten bei den Massen an Bewerbungen kaum nachkommen allen Bewerberinnen und Bewerben sofort einen Studienplatz zu sichern. Schon seit Jahren liegt das dreijährige Studium zur Pflegefachkraft (Registered Nurse) im Trend. Laut Berufsverband haben sich 2024 mehr als 28.000 junge Australierinnen und Australier für das Pflegestudium entschieden, was ein Plus von fast 30 % im Gegensatz zu noch 2014 ausmacht. Dabei sind es nicht nur Einheimische, welche zunehmend mit der Profession Pflege sympathisieren. Australiens Pflegestudium zieht auch immer mehr internationale Studierende an. Die Anzahl dieser habe sich ebenfalls in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt, so das Bildungsministerium.

Was ist denn da so anders?!

Hand aufs Herz – wer kommt bei solchen Zahlen nicht ins Grübeln und fragt sich zurecht: Was haben australische Pflegende in ihrem Berufsleben zu erwarten, was uns hierzulande anscheinend vorenthalten wird?

Erfahrungsberichten zufolge, beziehen sich die Gründe für diese enorme Beliebtheit auf vier Schlüsselsektoren:

  1. Volle akademische Professionalisierung
  2. Weitreichende medizinische Kompetenzen
  3. Spitzen-Vergütung und Arbeitsbedingungen
  4. Höchstes gesellschaftliches Ansehen

Volle akademische Professionalisierung

In Australien gibt es keine klassische handwerkliche Lehre für den Beruf Pflege. Wer sich hier qualifizieren will, muss ein dreijähriges, praxisnahes Bachelorstudium zur Registered Nurse absolvieren. Nach diesem Abschluss besteht die häufig angenommene Option zur Karriere über Masterabschlüsse. So können sich Pflegende durch verschiedene Masterstudiengänge beispielsweise auf Intensiv- und Notfallpflege spezialisieren oder bis zum Nurse Practitioner weiterbilden. Dieser Abschluss sorgt für eine Berufsbezeichnung auf Augenhöhe mit anderen akademischen Gesundheitsberufen. Ein großer Anreiz für viele mit höheren Karrierezielen.

Weitreichende medizinische Kompetenzen

Die Pflege in Australien zeichnet sich unter anderem durch eine weitreichende medizinische Autonomie aus. Pflegende sind von jeher eigenständig und gleichberechtigt in einem interprofessionellen Team und somit auch auf Augenhöhe mit Ärztinnen und Ärzten. Je nach Berufsabschluss sind sie dazu qualifiziert eigenständig Diagnosen zu stellen, Behandlungspläne zu erstellen und Rezepte für Medikamente, inklusive Betäubungsmittel, zu verschreiben (Nurse Practitioner Abschluss).

Spitzen-Vergütung und Arbeitsbedingungen

Verantwortung hat in Australien auch in der Pflege seinen Preis! Australische Pflegekräfte gehören zum oberen Drittel der Einkommensbezieher des Landes. Hohe Gehaltszulagen sind zudem durch Masterabschlüsse sowie Zusatzqualifikationen zu erwarten.

Die Arbeitsbedingungen versprechen nicht nur eine geregelte Work-Life-Balance, sondern setzen diese durch streng kontrollierte Schichtpläne auch um. Gesetzliche Personalschlüssel (Nurse-to-Patient Ratios) verhindern systematisch eine Überlastung der Arbeitskräfte. Während in Deutschland laut Bundesministerium für Gesundheit je nach Berufsfeld zwischen 10 und 20 zu pflegende Menschen auf eine Pflegefachperson kommen, sind es in Australien nur vier zu Pflegende pro Pflegekraft.

Höchstes gesellschaftliches Ansehen

Im Gegensatz zu anderen Ländern genießen Pflegende in Australien ein sehr hohes gesellschaftliches Ansehen. Dies führt wiederum zu einem hohen Vertrauen in die Pflege von Seiten der zu Pflegenden. Unglaublich, aber wahr: Australischer Umfragen zufolge, belegt die Pflege regelmäßig Platz 1 der angesehensten und vertrauenswürdigsten Berufe – noch vor Ärzten und Polizisten! Die australische Bevölkerung, egal welchen Alters, sieht Pflegende nicht ansatzweise als Hilfskräfte der Medizin. Pflegefachpersonen sind hochkompetente Spezialisten und als solche werden sie im Berufsalltag auch behandelt. „Kultureller Stolz“ ist eine Bezeichnung, die in diesem Zusammenhang in der Gesellschaft Verwendung findet.

Fazit

An dieser Stelle ein Fazit zu ziehen, erscheint nicht unbedingt leicht. Zweifels ohne können sich solche Fakten zunächst frustrierend auswirken. Ja, sogar Wut und ein Gefühl der Ohnmacht spielen mit ein, bedenkt man, wie lange die Profession Pflege in Deutschland schon für Ansehen, Autonomie, Arbeiten auf Augenhöhe, Work-Life Balance, Karrieremöglichkeiten und weitere positive Arbeitsbedingungen kämpft.

Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, solche Arbeitszustände als Ansporn zu nehmen. Als tatsächliche Realität und nicht nur unmögliche Fiktion! Und, wenn sich solche Realitäten verbreiten, wieso sollte nicht auch hierzulande die Möglichkeit bestehen, für Jugendliche Pflege zum Trend-Beruf zu machen? Ein Beruf, bei dem man bangen muss, überhaupt angenommen zu werden, da der Zulauf die Ausbildungsplätze sprengt!

Ja, zugegeben – noch utopisch. Aber die vier Kernbereiche, worauf sich das hohe Prestige der australischen Pflege stützt, sind weder verschlüsselt noch unerreichbar. Die Basis für ein solches Ansehen ist offen dargelegt und obliegt, wieder einmal, unter anderem der politischen Führung eines Landes. Aber, sind wir ehrlich, doch auch unserer eigenen Vorstellung von diesem Beruf. Unserem eigenen Mindset, dass es vielleicht auch zu überdenken gilt.

Sehen wir diesem Vorbild doch mit Hoffnung entgegen, und haben wir gemeinsam den Mut weiterzugehen! Weiterzugehen und nicht zu stoppen, wenn es darum geht, die Profession Pflege auch in Deutschland dorthin zubringen, wo andere schon sind!

Quellen:

https://www.tagesschau.de/wirtschaft/verbraucher/pflege-australien-100.html

https://karriere.charite.de/karrieremagazin/akademisierung-der-pflege

Sarah Micucci

Gesundheits- und Krankenpflegerin 
Pflegepädagogin (B.A.)
Autorin / Redakteurin für Pflegefachliteratur


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