In England fiel die Zeit der Regentschaft von Königin Victoria (1837-1901) mit einer Zeit zusammen, in der in jeder Hinsicht große Veränderungen stattfanden. Die große Expansion des Britischen Empire fiel mit der Ära der Dampfkraft und des technischen Fortschritts zusammen. Als Folge dieser Industrialisierung begannen die britischen Städte weiter zu wachsen und eine Überbevölkerung bahnte sich an. Dies hatte übervolle Städte, schlechte sanitäre Zustände und zunehmende Armut in den am stärksten benachteiligten Schichten zur Folge. Außerdem konnten sich so Krankheiten wie Cholera und Typhus rasch verbreiten.
„Florence Nightingale erkannte schon früh die zu ihrer Zeit beginnenden sozialen Veränderungen und stellte deren Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der englischen Bevölkerung fest. Durch die Auswirkungen der Industriellen Revolution entstanden neue soziale Schichten, neue Krankheiten, sowie neue soziale Probleme und trugen zur Analyse der Gesundheitsprobleme der englischen Gesellschaft und der Notwendigkeit von Sozial- und Gesundheitsreformen im Land bei.
Diese Auswirkungen wurden bereits bei Dickens‘ vernichtenden Kommentaren und kritischen Romanen – die sich eng an dem Bild der praktizierenden Krankenschwestern jener Zeit orientierten – beschrieben. Es besteht kein Zweifel, dass die strategische Allianz zwischen Nightingale und Dickens einen entscheidenden Einfluss auf die Definition von Krankenpflege und Gesundheitsversorgung, sowie auch auf ihre eigene Pflegetheorie hatte.
“Florence Nightingale, die erste große Pflegetheoretikerin“.
Ähnliche Dialoge mit anderen Intellektuellen und Sozialreformern ihrer Zeit, wie z.B. John Stuart Mill, trugen zum philosophischen und logischen Denken von Florence Nightingale bei. Dies spiegelt sich in ihrer Pflegetheorie und ihrem hartnäckigen Ringen um die sozialen Veränderungen wieder, die sich in positiven Veränderungen für ihren Beruf niederschlagen könnten“, erklärt Maria del Carmen Amaro Caro, eine auf Ausbildung spezialisierte Krankenschwester, in ihrem Artikel “Florence Nightingale, die erste große Pflegetheoretikerin“.
Florence identifizierte diese Bedürfnisse und setzte Strategien fest, die auf einem Beobachtungsansatz und auf hervorragenden Managementfähigkeiten basieren. Nightingales größte Fähigkeit war allerdings, viele der Probleme und Situationen, mit denen das Gesundheitswesen von heute – 200 Jahre nach ihrer Geburt – konfrontiert ist, bereits damals vorauszusehen.
Wenn man sich dieEntwicklung des Pflegeberufs aktuell ansieht zeigt es, wie sehr Florence Nightingale eine Visionärin war und wie weit und auf welche Weise sich ihre Gedanken zur Krankenpflege erfüllt haben und umgesetzt wurden.
Schon gewusst?
- Als Florence ihren Eltern von ihrem Berufswunsch erzählte, wollten beide sie abhalten. Eine junge Frau mit ihrer sozialen Stellung könne eine solche „entwürdigende“ Aufgabe nicht erfüllen.
- Florence und Charles Dickens unterhielten eine herzliche Beziehung und arbeiteten in einem Ausschuss zusammen, der sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Krankenschwestern einsetzte.
- In Ermangelung einer spezifischen Ausbildung pflegten damals Nonnen die Kranken. Aber es gab „inoffizielle“ Krankenschwestern, die wenig ausgebildet waren und einen schlechten Ruf hatten.
- Um dieser „dunklen Periode“ der Krankenpflege ein Ende zu setzen, richtete die Nightingale School ein Wohnheim für SchülerInnen ein. Ziel war es, das Bild der Krankenpflege zu erneuern.
Ihr Ansatz in der Krankenpflege
Einer der Grundpfeiler von Florence Nightingales Denken und Wirken war ihr Einsatz für eine formale Ausbildung von Pflegekräften – zu einer Zeit, in der es weder Hochschulabschlüsse noch eigene Studienprogramme für diesen Beruf gab.
Ihre zentralen Prinzipien
- Mit jedem Tag gewinnt das Wissen der Krankenpflege – die Kunst, gesund zu bleiben, Krankheiten vorzubeugen oder sich von ihnen zu erholen – an Bedeutung. Es ist ein Wissen, das sich vom medizinischen Wissen unterscheidet und einer eigenen Profession zuzuordnen ist.
- Die allgemeine Erfahrung zeigt die große Bedeutung der Pflege für den Verlauf von Krankheiten. Dennoch kehrt ein Einwand immer wieder zurück: „Wie kann ich mir dieses medizinische Wissen aneignen? Ich bin kein Arzt. Diese Aufgabe muss ich ihnen überlassen.“
Zwei Jahrhunderte später …
Laut Antonio Arribas, Direktor der Abteilung für Methodik der Krankenpflege bei der Stiftung zur Entwicklung der Pflegeberufe (FUDEN), lässt sich die Anerkennung der Krankenpflege als autonome, von der Medizin unabhängige Praxis aus verschiedenen Perspektiven betrachten:
„Konzentriert man sich auf den rein akademischen Aspekt, ist dieses Ziel durch die Anerkennung der Krankenpflege als universitäre Disziplin, eingebettet in den Bereich der Gesundheitswissenschaften und mit einem klar umrissenen, pflegezentrierten Aufgabenfeld, vollständig erreicht worden. Auf beruflicher Ebene wurden zwar viele Fortschritte erzielt, doch ist der Weg noch nicht vollständig geebnet. Die Grundlagen des Pflegeberufs und des pflegerischen Wissens entwickeln sich weiterhin.“
Antonio Arribas

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