von Veronika Rojacher | Content Strategist | Medical Education DACH | ELSEVIER
Jedes Jahr bewerben sich in Deutschland deutlich mehr Menschen für das Medizinstudium, als Studienplätze vorhanden sind. Universitäten stehen deshalb vor einer zentralen Herausforderung:
Wer wird zugelassen?
Es ist erforderlich, eine Auswahl unter denjenigen Bewerberinnen und Bewerbern zu treffen, die in der Lage sind, das komplexe Studium erfolgreich zu bewältigen. Die Antwort darauf sind mehrdimensionale Auswahlverfahren, in denen Studierfähigkeitstests eine zentrale Rolle spielen. Diese beruhen keinesfalls auf Bauchgefühl, sondern auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie sind notwendig, weil sie zentrale studienrelevante Fähigkeiten erfassen, die durch Schulnoten nicht ausreichend abgebildet werden, und dadurch sowohl die Prognosegüte als auch die Fairness des Auswahlverfahrens erhöhen.
Warum reicht die Abiturnote allein nicht aus?
Die Abiturnote misst vor allem:
- schulisches Wissen
- Lernfähigkeit
- Durchhaltevermögen über mehrere Jahre
Studien zeigen, dass eine gute Abiturnote den Studienerfolg tatsächlich teilweise vorhersagt, insbesondere in den vorklinischen Semestern. Ein faires und leistungsfähiges Auswahlverfahren benötigt jedoch zusätzliche Auswahltests, weil ein einzelnes Kriterium – wie die Schulnote – den späteren Studienerfolg nur unvollständig abbildet. Auswahltests ergänzen bisherige Leistungsdaten um zusätzliche, unabhängige Informationen. Sie ermöglichen Chancengerechtigkeit im Auswahlprozess und eröffnen leistungsstarken Bewerberinnen und Bewerbern mit schlechteren formalen Vorleistungen eine realistische Zulassungschance (Jaehn et al., 2025).
Darum gibt es Medizinertests!
Die Forschung ist hier eindeutig:
Ein faires Auswahlverfahren sollte mehrere Dimensionen erfassen, zum Beispiel:
- Kognitive Fähigkeiten und Problemlösekompetenz
Auswahltests messen Denk-, Analyse- und Schlussfolgerungsfähigkeiten, die für den Studienerfolg zentral sind, aber durch Schulnoten nur eingeschränkt erfasst werden.
- Studienrelevantes Wissen und wissenschaftliches Verständnis
Tests mit naturwissenschaftlichem oder medizinischem Fokus erfassen Inhalte, die direkt mit den Anforderungen des Studiums verknüpft sind.
- Vergleichbarkeit und Standardisierung
Schulnoten sind zwischen Schulen, Bundesländern und Bildungssystemen nur begrenzt vergleichbar. Standardisierte Tests reduzieren diese Verzerrungen.
- Teilweise Unabhängigkeit von sozialen und strukturellen Einflüssen
Schulische Leistungen sind stärker von sozioökonomischem Hintergrund, Schulqualität und Bewertungskultur abhängig. Auswahltests liefern zusätzliche, teilweise davon unabhängige Leistungsindikatoren.
- Erhöhte prognostische Validität
Die Studie von Jaehn et al. (2025) unterstreicht: Die Kombination aus Schulnoten und Eignungstests sagt den akademischen Erfolg besser vorher als jedes Kriterium allein.
Was prüfen TMS und HAM-Nat?
Der TMS – Test für Medizinische Studiengänge
- prüft kognitive Fähigkeiten wie z. B. Merkfähigkeit, logisches Denken, räumliches Vorstellungsvermögen, Textverständnis, Konzentration und problemlösendes Denken,
- erfordert keine Fachkenntnisse, sondern überprüft allgemeine intellektuelle Kompetenzen,
- wird an den meisten deutschen Universitäten berücksichtigt.
Unser Tipp:

Der HAM-Nat – Hamburger Naturwissenschaftstest
- prüft Wissen in den Fächern Biologie, Chemie, Physik und Mathematik,
- testet logisches Denken durch arithmetisches Problemlösen und figurale Matrizen,
- wird in Hamburg und Magdeburg eingesetzt, wo es zusammen etwa 600 Medizinstudienplätze gibt.
Besonderheit:
Zusätzlich ist in Hamburg der HAM-SJT zu absolvieren. Dabei handelt es sich um einen schriftlichen Situational Judgement Test, der Rückschlüsse auf soziale und persönliche Kompetenzen ermöglicht. Den Teilnehmenden werden Alltags- oder Berufssituationen vorgelegt, zu denen verschiedene Handlungsoptionen bewertet werden müssen. Es geht nicht um Faktenwissen, sondern um professionelles Urteilsvermögen in sozialen oder ethischen Situationen.
Besonders gute SJT-Ergebnisse standen im praktischen Einsatz in Zusammenhang mit wärmerem und umgänglicherem Verhalten gegenüber Patientinnen, Patienten und Teammitgliedern (Mielke et al., 2025).
Unser Tipp:

Was dich zusätzlich weiterbringen kann
Praktische Erfahrungen im Gesundheitswesen vor dem Studium sind keine Pflicht, liefern dir selbst aber wichtige Zusatzinformationen:
- Du bekommst eine realistische Vorstellung von der ärztlichen Tätigkeit.
- Du lernst, Verantwortung zu übernehmen und im Team zu arbeiten.
Die Studie von Mielke et al. (2025) zeigt außerdem:
Studierende mit beruflicher Vorqualifikation zeigten in der Praxis im Durchschnitt ausgeprägteres sicheres und selbstbewusstes Verhalten.
Das solltest du nicht dem Zufall überlassen
Für dich als Schüler*in bedeutet das ganz konkret:
- 📘 Abitur ernst nehmen – es bleibt die Grundlage
- 🧠 früh prüfen, welcher Test für deine Wunschuniversität relevant ist
- 🏥 freiwillige Praktika nutzen, um Einblick und Erfahrung zu sammeln
- 🧭 eigene Motivation reflektieren – Medizin ist mehr als gute Noten
Fazit
Auswahlverfahren gibt es nicht, um Hürden aufzubauen, sondern weil Forschung zeigt:
Sie verbessern durch die Kombination mehrerer validierter Kriterien sowohl die Vorhersagegüte als auch die Fairness der Studienplatzvergabe und erfassen studien- und berufsrelevante Kompetenzen, die über schulische Leistungen hinausgehen.
Es gibt nicht den einen perfekten Weg ins Medizinstudium. Neben guten Noten zählen auch andere Dinge – zum Beispiel, wie gut man logisch denken kann, wie man mit Menschen umgeht oder ob man bereits praktische Erfahrungen gesammelt hat. Wer das weiß, kann sich frühzeitig vorbereiten: Stärken erkennen, gezielt üben, Erfahrungen sammeln und sich für die Hochschulen und Auswahlverfahren entscheiden, die am besten zu einem passen. Kurz gesagt: Man hat mehr als eine faire Chance – und mehr als einen Weg ins Ziel.
Unser Tipp:

Wissenschaftliche Quellen
- Jaehn P. et al. (2025). Predictive validity of admission criteria in medical education.
BMC Medical Education.
https://link.springer.com/article/10.1186/s12909-025-07974-2 - Mielke I. et al. (2025). Situational judgement tests, work experience and medical school performance.
Perspectives on Medical Education.
https://doi.org/10.5334/pme.1571
Wichtige Links, die dir weiterhelfen:
- Auswahlzentrale: https://www.auswahltestzentrale.de/
- UKE Hamburg: https://www.uke.de/kliniken-institute/institute/biochemie-und-molekulare-zellbiologie/forschung/arbeitsgruppen/auswahlverfahren-f%C3%BCr-studienbewerber(innen).html
- Offizielle TMS-Infos: https://www.tms-info.org/
- Mediranger: https://exam.agav.uke.de/MediRanger/

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