Auch in Deutschland ein Konzept mit Zukunft?
Weltweit stellen Katastrophen jedes Jahr das Gesundheitssystem vor massive Herausforderungen. Pandemien, Terroranschläge, Kriege und Extremwetter sind auch für erfahrene Pflegefachpersonen Ausnahmezustände, die schnell an die persönlichen, wie auch an die Grenzen von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen stoßen. Immer größer werdende Anforderungen machen letztlich eine systematische Vorbereitung auf Katastrophen unerlässlich. Dies beinhaltet unter anderem die Katastrophenpflege in der Pflegebildung, Pflegepraxis und ebenso auf gesundheitspolitischer Ebene.
Was ist Disaster Nursing?
Im Katastrophenfall sehen sich Menschen schlagartig mit unvorhersehbaren, dramatischen und lebensbedrohlichen Ereignissen konfrontiert. Um solchen Ausnahmesituationen im Ernstfall kompetent entgegentreten zu können, bestehen, ausgehend von der Art der Katastrophe, Katastrophen- und Ablaufpläne. Sie beinhalten und regeln Maßnahmen zur Prävention, Informationen bezüglich der Abläufe und der Organisation im jeweiligen Ereignisfall, Fachwissen bezüglich aktiver Hilfe sowie Pläne für die Nachsorge.
Katastrophenfall
Kommt es zu einer Katastrophe, so stellen Pflegende eine Berufsgruppe dar, welche neben anderen Professionen, von Beginn an involviert ist. Der internationale Begriff für die Tätigkeit von Pflegenden in solchen Settings lautet Disaster Nursing. Im Wesentlichen ist die Arbeit so zu beschreiben, dass professionelle Pflegetätigkeiten sich an die Bedürfnisse der Betroffenen anpassen. Gemeint sind eben solche Bedürfnisse, wie sie sich aus einer Katastrophe ergeben. Auf diese Weise soll das bestmögliche gesundheitliche Wohlergehen für alle erreicht werden, die von einer Katastrophe betroffen sind.
Konkrete Beispiele
Beispiele hierfür sind die COVID-19-Pandemie, Hochwasser, Überschwemmungen, Erdbeben, bewaffnete Konflikte, Terrorismus, Unfälle und viele weiter Vorkommnisse. Grund zur Sorge, dass solche Ausnahmesituationen weiterhin eher zu- als abnehmen, gibt zum einen die Beschleunigung des Klimawandels und zum anderen die weltweit politisch instabilen Situationen. Angesichts dessen hat der International Council of Nurses (ICN) die Kernkompetenzen der Katastrophenpflege überarbeitet. Die aktualisierten Richtlinien liegen heute zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung vor und stellen für alle Pflegefachpersonen eine wertvolle Orientierung für den Ernstfall dar.
Every Nurse is a Disaster Nurse!
Ein Fakt, welcher den wenigsten bekannt ist: Alle Pflegenden sind Disaster Nurses. Warum dem so ist, lässt sich an den drei Levels in Bezug auf die Kernkompetenzen von Pflegenden bei der Katastrophenarbeit erklären. Das ICN unterteilt einen Katastrophenfall in drei Phasen und weist hierzu jeder Phase die zuständigen Personen sowie deren Aufgaben zu.
Die Kompetenzlevel Disaster Nursing nach dem ICN 2022 setzen sich wie folgt zusammen:
- Level 1 bezieht sich auf alle Pflegefachpersonen, welche es zur Aufgabe haben sich mit dem Einsatzort und dem vorgesehen Auftrag vertraut zu machen, sowie die Erstversorgung zu übernehmen.
- Level 2 beinhaltet alle Inhalte von Level 1 und spricht zudem noch beauftragte Personen von Institutionen oder Gemeinden mit entsprechender Ausbildung an. Der Aufgabenbereich bezieht sich hierbei auf Organisation, Koordination, Triage sowie ggf. Umsetzung eines Notfallplans.
- Level 3 spricht alle Personen aus Level 1 und 2 an sowie Disaster Nurses und Militärpflegende mit entsprechender Ausbildung. Die Verantwortung hierbei liegt in der Leitung jeglicher Aktionen sowie Evaluation und Weiterentwicklung spezifischer Notfallpläne für Gruppen und Regionen.
Katastrophen können jederzeit vorkommen – auch in Deutschland!
Disaster Nurses des dritten Levels sind international in Public- und Community Health Strukturen eingebunden. Sie verfügen über spezielle Kompetenzen, um sich adäquat in Katastrophenvorsorge und -bewältigung einzubringen, bzw. die Abläufe zu koordinieren. Neben der Tätigkeit im Ernstfall selbst, sind sie dazu befähigt Vorbereitungen und Weiterbildungen zu übernehmen, was u. a. auch die Planung von Workshops und Informationsveranstaltungen beinhaltet. Des Weiteren unterstützen und beraten sie bei der Umsetzung von Katastrophenplänen und sind für die Koordination mit anderen Behörden zuständig. Gerade für die Katastrophenvorsorge ist ein ständiger Austausch und enger Kontakt zu u. a. gemeinnützigen Organisationen und Regierungsstellen unerlässlich. Disaster Nurses sind sich im Notfallplan auch möglicher Hürden und Risiken bewusst, was eine enorme Leistung und Vorarbeit in Bezug auf Koordination beinhaltet (beispielsweise fehlende Transportmöglichkeiten zu Versorgungsstellen, kein Zugang zu Medikamenten oder Lebensmitteln).
Ausbildung zur Disaster Nurse?
Eine Ausbildung speziell als Disaster Nurse ist in Deutschland bisher nicht gegeben. Aufgrund ansteigender Ereignisse ist aber nicht nur Deutschland, sondern auch die Schweiz und Österreich auf das Konzept aufmerksam geworden. Vera Lux, die Präsidentin des Deutschen Verbandes für Pflegeberufe (DBfK) spricht sich dafür aus, dass Katastrophen zu jeder Zeit auch in Deutschland vorkommen können. Um hierbei im Ernstfall handlungsfähig zu sein, braucht es vertiefte Kompetenzen in der Pflege. Dabei sei jedoch zu bemängeln, dass in Deutschland Pflegefachpersonen strukturell noch nicht in den Katastrophenschutz eingebunden sind. Der DBfK tritt dafür ein, diese Regelung schnellst möglich zu ändern und die Pflege fest in die Strukturen zu integrieren.
Wo Herausforderungen wachsen, werden die Aufgaben der Pflege umfangreicher und die Einbindung in Krisenstäbe unerlässlich. Die Verankerung von Disaster Nursing-Inhalten in Aus- und Weiterbildungen könnte Pflegenden dazu verhelfen erforderliche Kompetenzen zu erlangen und im Katastrophenfall Verantwortung zu tragen. Ob Länder wie Deutschland, Österreich oder die Schweiz für ein solches Konzept bereit sind, bleibt bislang abzuwarten. Die Schaffung besagter Bildungsstrukturen hat jedenfalls hierzulande schon für erhöhte Aufmerksamkeit gesorgt. Interessierten stehen Broschüren zum Thema über den Deutschen Verband für Pflegeberufe (DBfK) online zur Verfügung.
Quellen:

Sarah Micucci
Gesundheits- und Krankenpflegerin
Pflegepädagogin (B.A.) Autorin / Redakteurin für Pflegefachliteratur

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