Teilzeitarbeit – Kein „Wohlstandsproblem“ in der Pflege!

,

Eine aktuell politische Debatte sorgt bei vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern für Missmut. Der Ansporn Deutschland durch ein eingeschränktes Recht auf Teilzeitarbeit wirtschaftlich voran zu bringen, verärgert dabei insbesondere Berufsgruppen mit körperlicher Arbeit sowie solche, die aufgrund mangelnder Ressourcen seit Jahren an ihre gesundheitlichen Grenzen kommen.

„Lifestyle“-Teilzeit – eine heikle Wortwahl

Ein Antrag von Seiten der CDU sorgte vor kurzem für heftige Diskussionen. Ging es doch im Wesentlichen darum, dass es in Deutschland zu viele Teilzeitbeschäftigte bei gleichzeitigem Fachkräftemangel gäbe, traf dabei ein Wort den Nerv der Bevölkerung: Die Rede ist von dem Begriff „Lifestyle“-Teilzeit. Jene Gruppierung der CDU, welche das Recht auf Teilzeitarbeit gerne kippen würde, sah schnell ein, dass hierbei wohl in Anbetracht unzähliger Menschen, die tagtäglich dafür geradestehen, Systeme in Deutschland am Laufen zu halten (darunter auch das Gesundheitssystem), zu voreilig in die „Vorurteilsschublade“ gegriffen wurde. Wer nicht gerade Kleinkinder oder pflegebedürftige Eltern zu versorgen hat, gönnt sich eine nichtvertretbare Freizeit? Abgesehen von der grundlegenden Diskussion, ob ein solcher „Luxus“ überhaupt anzufechten ist, warnen Institutionen wie der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) vor falschen Schlussfolgerungen.

Zumindest wurde von politischer Seite aus „Lifestyle“ (schon als Anwärter zum Unwort des Jahres gewählt) offiziell aus dem Antrag zurückgezogen. Schnell distanzierte sich die CDU wieder von dieser heiklen Wortwahl. Doch die Frage bleibt dennoch: Aus welcher Perspektive heraus, werden Berufsgruppen wie die Pflege von Seiten der Politik betrachtet?

Teilzeitarbeit in der Pflege ist kein Wohlstandsproblem

Auch wenn ein noch unklar überarbeiteter Antrag der Union nun zurückrudert, bleibt doch ein unangenehmer Beigeschmack. Der DBfK weist eindrücklich darauf hin, dass jene, die Teilzeit pauschal als Wohlstandsproblem unserer Gesellschaft darstellen, den Bezug zur Realität in der Pflege verkennen. Für viele Pflegende ist Teilzeit kein Lifestyle, sondern eine Schutzreaktion. Das Recht auf Teilzeit bietet Pflegenden eine essentielle Möglichkeit, gerade im mittleren bis höheren Alter, sich von Überbelastung, Schichtdienst und mangelnden Ressourcen ein Stück weit zu erholen, so dass sie in der Lage bleiben, das System zu Arbeitszeiten aufrecht zu erhalten und der Pflege nicht komplett den Rücken zu kehren. Mit Bequemlichkeit habe dies wohl kaum etwas zu tun, so der DBfK.

Work-Life-Balance – in der Pflege trotz Teilzeit kaum umsetzbar

Bereits 2019 führte der DBfK eine Onlinebefragung durch, in der Pflegende dazu Stellung nehmen konnten, warum sie in Teilzeit arbeiten. Einer der Hauptgründe war schon damals eine zu hohe Belastung. Neben dem Schichtdienst, welcher bei vielen auch Nachtdienste einschließt, kommen Wochenend- und Feiertagsdienste hinzu. Und selbst, so die Befragten, wenn man sich für eine Teilzeitarbeit entscheidet und somit nicht immer leichtfertig der eigenen Gesundheit Vorrang vor der finanziellen Situation gibt, durchqueren ständige Überstunden, häufiges Einspringen und kurzfristige Dienstplanänderungen die Chancen, sich in einer zufriedenstellenden „Work-Life-Balance“ wiederzufinden.

Zuerst die Arbeitsbedingungen, dann die Stundenaufstockung!

Vera Lux, die Präsidentin des DBfK, zeigt auf, dass mehr Vollzeitstellen in der Pflege nicht per Druck „von oben“ erzwungen werden dürfen. Nur Entlastung und verlässliche Dienstpläne seinen der Schlüssel hierzu: „Wer mehr Arbeitsstunden will, muss zuerst die Arbeitsbedingungen so verbessern, dass Pflege gesund leistbar ist. Teilzeit ist in der Pflege oft die Konsequenz aus Überbelastung, Schichtdienst und fehlender Planbarkeit – teilweise sogar mit massiver Mehrarbeit trotz Teilzeitvertrag.“ Weiterhin kritisiert Lux, dass ein Streichen von Rechten nicht das Problem des Fachkräftemangels lösen könne und unterstreicht noch einmal die enorme physische und psychische Belastung des Pflegeberufes. Ein Leben bis zur Rente in Vollzeit scheint zu aktuellen Konditionen schlicht über die menschliche Belastungsgrenze hinaus zu gehen.

Fazit:

Inwiefern Politiker nun allgemein die berufliche Situation von Pflegenden einschätzen und auch im Pflegesektor einen unnötigen „Teilzeit-Lifestyle“ ausmachen, wird wohl kaum konkret festzuhalten sein. Tatsache ist aber, dass sich viele Stimmen von Seiten der Pflege aufgrund dieser politischen Debatte zu Wort gemeldet haben. Und so fordert unter anderem der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe einmal mehr die Politik auf, die Debatte auf die Ursachen der Problematik zu richten und nicht per Zwang und überheblicher Verallgemeinerung Pflegende zur Vollzeitarbeit zu drängen. Diese Ursachen liegen nachweislich noch immer darin die Arbeitsverdichtung zu reduzieren, Dienstpläne verlässlich zu machen und Schichtarbeit so zu organisieren, dass sie die nötige Regeneration zulässt. Erst dann sei es realistisch, dass Pflegende freiwillig und nachhaltig Arbeitsstunden wieder aufstocken.

Quellen:

https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/teilzeit-cdu-antrag-parteitag-100.htmhttps://www.dbfk.de/de/newsroom/pressemitteilungen/meldungen/2026/2026-01-26-teilzeit-in-der-pflege-ist-kein-wohlstandsproblem.php

Sarah Micucci

Gesundheits- und Krankenpflegerin 

Pflegepädagogin (B.A.)

Autorin / Redakteurin für Pflegefachliteratur


Comments

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *